Wie will ich sein? – sich beherrschen funktioniert nicht

Wir glauben immer uns verändern zu können, indem wir unseren Ideen darüber folgen, wie wir sein sollten. Was wir fühlen, wollen, glauben oder meinen müssten, damit es uns gut geht. Das ist ein Trugschluss. Das, was wir in Wirklichkeit sind, kann man nicht beherrschen. Es möchte frei sein und sich immer wieder neu entdecken. Wie ein Kind, das Erfahrungen macht – ohne schon vorher zu wissen, welche Erfahrung das sein wird.

Wir können feststellen, dass in uns alte Muster ablaufen, wir Gedanken denken, die von unseren Eltern oder frühen Bezugspersonen stammen oder Gedanken, die wir einfach unreflektiert aus unserem Umfeld übernommen haben. Gedanken, die uns und der Welt schaden oder uns hart und ungerecht sein lassen. Gedanken und Muster die völlig automatisiert ablaufen und uns immer wieder aufs Neue quälen und in einer bestimmten Art und Weise reagieren lassen. Gedanken und Muster die uns regelrecht beherrschen. Dann brüllen wir womöglich unsere Kinder an, beleidigen einen guten Freund oder tun irgendetwas, was wir nicht wirklich wollen.

Was können wir dagegen tun?

Naheliegend ist die Idee kämpferisch zu werden: Ich entscheide jetzt, was ich denken und fühlen will und lasse mich nicht mehr von irgendwelchen alten Mustern und Glaubenssätzen beherrschen. Ich bestimme selber darüber wie ich bin.

Den Kampf aufgeben

Leider funktioniert das meist nicht. Einfach deshalb nicht, weil uns jetzt nicht nur die alten Mustern, sondern auch die Vorstellungen, die wir ihnen entgegensetzen, beherrschen. Wir bekämpfen das alte Ich mit der Idee eines neuen Ich´s.

Bewusst und neugierig werden

Das ist oft frustrierend und anstrengend.

Dabei können wir den Kampf gleich aufgeben. Indem wir die Muster, die sich in uns spielen, genau beobachten und einfach schauen, was sie mit uns machen. Welche Gefühle sie auslösen und was passiert, wenn wir einfach nicht mehr auf sie reagieren. Sondern nur beobachten.

Wir stoppen den Impuls zu handeln, abzuwehren oder draufzuhauen.

Wir werden still

Dann passiert etwas wirklich Neues und Unvorhersehbares, was wir uns nicht vorher ausgedacht haben. Etwas, was so kreativ ist, dass es nichts mit beherrschen zu tun hat.

Wenn ich beispielsweise immer völlig aggressiv und automatisiert auf einen scheinbaren Vorwurf meines Partners reagiere, kann ich (wenn ich bewusst in der Situation bleibe) einfach die Wut, die mein Partner in mir auslöst spüren, ohne zu reagieren. Ich stoppe den Impuls draufzuhauen und fühle, was in mir passiert. Dann wird etwas Anderes passieren. Vielleicht kommen Tränen und ich spüre meine Hilflosigkeit oder meine Müdigkeit. Vielleicht merke ich meine Überforderung oder einen alten Schmerz. Wahrscheinlich kommt etwas an die Oberfläche, was ich nicht fühlen will oder glaube nicht fühlen zu dürfen. Aber dieses Fühlen bewirkt die eigentliche Veränderung. Und die kann ich nicht vorweg nehmen.

Ehrliche Begegnung

Aber jetzt tritt Ehrlichkeit in den Raum.

Ehrlichkeit im Gegensatz zu einem starren Reiz-Reaktionsmuster.

Ich kann dem anderen wirklich begegnen, mich zeigen und sagen, was ich fühle. Natürlich habe ich keine Garantie dafür, dass mein Partner (oder wer auch immer) so reagiert, wie ich es mir wünsche. Aber die Chance besteht.  Vor allem deshalb, weil ich nicht als stumpfes, reaktives Programm reagiere, sondern bewusst und fühlend anwesend bin.

Und das Beste ist: ich war ehrlich mit mir. Und das ist es, was wirkliche Freiheit bringt. Eine innere und äußere Übereinstimmung mit mir selbst – außerhalb der alten reaktiven Muster und Programme. Alles, was dann passiert, ist spannend und neu und muss nicht vorher von mir durchdacht und konstruiert werden. Ich muss mich nicht beherrschen, ich darf einfach sein.

Falls Du Lust hast dir mit mir gemeinsam deine Themen anzuschauen, freue ich mich auf eine Nachricht.

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1 Antwort

  1. Tim sagt:

    Schöner Text! Ein Appell zu mehr Mindfulness, Achtsamkeit. Ja, ich las auch erst vor kurzem in psychologischer Fachliteratur, dass diese Achtsamkeit ein Faktor ist, der uns resistenter gegen Fremdbestimmung mach, Freiraum für autonome Selbstregulation macht…

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