Warum Perfektionismus nicht glücklich macht

Wir wissen es eigentlich ganz genau: Perfektionismus macht nicht glücklich.

Und den größten Stress machen wir uns paradoxerweise oft selber.

Oder anders ausgedrückt: An den eigenen Ansprüchen scheitert man am schönsten.

Ich meine hier nicht den Stress der unvermeidbar ist, etwa den Job mit dem Du Deinen Lebensunterhalt bestreitest. Gemeint ist der Stress, den wir uns tatsächlich selber machen. Dinge, mit denen man sich unter Druck setzt, die aber gar nicht wichtig sind.

Vielleicht kommen Dir solche Gedanken bekannt vor:

  • Ich muss immer gut drauf sein
  • Ich muss mehr Gemüse essen
  • Ich muss meine Freundschaften mehr pflegen
  • Ich muss mein Liebesleben aufpeppen
  • Ich muss unbedingt Sport treiben
  • Ich muss mehr verdienen
  • Ich muss up to date sein
  • Ich muss mein Handicap verbessern
  • Ich muss mehr lesen
  • Ich muss mehr wissen
  • Ich muss souveräner sein
  • Ich muss organisierter sein, vernetzter, schneller, besser, schöner, usw…

Kurz um: Ich muss perfekt sein.

Ganz schön viel MUSS für meinen Geschmack. Und das alles 24 Stunden lang, rund um die Uhr. Bis einem ganz schwindelig wird.

Perfektionismus hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun

Die Kinder sitzen zu lange vor dem Fernseher, es gab schon wieder Pommes, die E-Mail von der alten Freundin ist immer noch nicht beantwortet, in der Wohnung sieht es aus wie bei Hempels, Sport steht auf dem Plan, musste aber mal wieder ausfallen, die Karriere könnte besser laufen oder läuft gar nicht, finanziell sieht es mau aus, der Hund war noch nicht draußen, die Beziehung zum Partner wird vernachlässigt und Sex hatte man schon lange nicht mehr.

Unzählige Baustellen und überall brennt es. Es wird zu viel. Der Überblick geht verloren.

Ich weiß nicht wie es Dir geht. Glaubte ich alle diese Gedanken, sie würden mich überrollen. Vor mir würde sich ein Berg auftun, von dem ich weiß:

Ich kann ihn nicht bewältigen. Ich wäre regelrecht blockiert.

Wie fühlt es sich an, wenn ich denke, ich muss dies und das tun und am besten gestern damit fertig sein?

Vor allem: Wie fühlt es sich an, wenn ich denke „Ich muss“ und ich merke ich kann nicht? Mich persönlich setzen solche Gedanken unter Druck. Sie lähmen mich. Ich bin immer hinten dran und funktioniere nur noch. In meinem Leben geht es nur noch darum, den Kopf über Wasser zu halten.

Vielleicht halte ich den selbstauferlegten Druck nicht aus und dröhne mich mit irgendetwas zu. Möglicherweise breche ich zusammen und mache lieber gar nichts mehr. Ich gebe auf. Ich bin hilflos überfordert. Ich fühle mich wie ein Versager. Klein und nutzlos.

Der Stress, den ich mir mache, überträgt sich auch auf andere

Meine Familie, meine Freunde. Vielleicht verschließe ich mich ihnen gegenüber, weil mir ohnehin alles zu viel ist. Oder ich bin schroff und unhöflich zu ihnen, weil sie auch noch Ansprüche an mich stellen. Dazu kommt, dass, wenn ich glaube perfekt sein zu müssen, keiner sehen soll, dass ich es nicht bin.

Wer hat hier die Regeln aufgestellt?

Ich muss oder Ich sollte Gedanken haben oft mit Spielregeln zu tun, die wir gar nicht selber aufgestellt haben, an die wir uns aber trotzdem halten. Am härtesten bestraft man sich selbst für die eigenen Regelverstöße – sehr schön in den Büchern von Luise Hay nachzulesen. Persönliches Versagen bringt Schuldgefühle mit sich. Schuldgefühle schreien immer nach Bestrafung.

Das passiert alles im Unbewussten und äußert sich ganz subtil. Wir verletzen uns beim Brotschneiden, stoßen uns den Kopf an einer Ecke oder machen uns in Gedanken zur Schnecke. Weil wir unsere eigenen Ansprüchen nicht erfüllt oder etwas nicht „geschafft“ haben.

Ein schlechtes Gewissen hat noch nie motiviert und Druck ist in den seltensten Fällen hilfreich.

Wenn ich nicht mehr glaube, perfekter sein zu müssen als ich bin, dann begegne ich mir und anderen viel entspannter. Ich kann mich dem zuwenden, was ansteht, und entscheiden, was ich für wichtig halte. Ich bin nicht mehr die Geisel meiner überzogenen Vorstellungen. Ich muss nichts mehr darstellen und kann schauen, was mir tatsächlich wichtig ist.

Ohne Gedanken wie: ich muss schneller, besser, ordentlicher etc. sein, bin ich relativ locker. Ich tue einfach, was zu tun ist und mache es so gut wie möglich.

Vor allem traue ich mir Sachen zu, an die ich – müsste ich sie perfekt machen – mich nie heran wagen würde.

Vielleicht denkst Du: Schön und gut, aber ich habe eben hohe Ansprüche ans Leben und keine Lust mich mit Mittelmaß zufrieden zugeben. Nur was nutzt Dir der ganze Stress, wenn er Dich blockiert und überrollt. Bringt Dich das wirklich ans Ziel?

Einige Punkte von der To-do-Liste zu streichen, heißt ja nicht passiv zu werden und ziellos durchs Leben zu gehen. Du sparst Dir lediglich eine Menge unnötigen Stress.

Ungesund wird Perfektionismus vor allem dann, wenn unser Selbstwert daran hängt

Nur wenn ich das erreiche, was ich mir vornehme, bin ich gut genug.

Mit solchen Gedanken läuft man Gefahr, etwas gar nicht erst zu versuchen oder zu Ende zu bringen, weil es nicht perfekt sein könnte. Das Risiko zu scheitern ist zu hoch.

Hohe Ansprüche sind nur dann gut, wenn sie motivieren und man bereit ist durch sie zu wachsen.

Perfektion hat für mich auch immer mit Ehrgeiz zu tun. Ein Wort, das in meinem Verständnis negativ besetzt ist. Es hat mit Verzicht, Härte und Verbot zu tun. Dem Streben nach Anerkennung und Macht. Bin ich dagegen motiviert, bleibe ich automatisch zielstrebig und ausdauernd an einer Sache dran. Ich muss nicht blind vor Ehrgeiz in eine bestimmte Richtung rennen, ohne nach links und rechts zuschauen. Das fühlt sich an, als würde ich das Leben ausschließen.

Das Schöne ist doch: Wir sind alle unvollkommen. Das macht uns menschlich und verbindet uns. Ohne den Drang nach Perfektion werden echte Begegnungen erst möglich.

Wenn ich nicht mehr soviel MUSS, dann bin ich viel leistungsfähiger. Ich darf auch mal schwach sein oder Fehler machen. Ich darf mich entspannen und loslassen. Das kann alles heißen: die Wohnung gemütlich machen, Unwichtiges von der Agenda streichen oder doch zum Sport gehen (weil es mir gut tut und langfristig entspannt).

Es lohnt sich stressige Gedanken aufzuschreiben

Mein Vorschlag an Dich: Liste alle Deine Ich muss Gedanken untereinander auf. Schaue Dir jeden einzelnen genau an und stell Dir, wenn Du magst die folgenden Fragen:

  • Was ist wichtig und was kann warten?

 

  • Was passiert, wenn ich es nicht tue?

 

  • Wem oder was muss ich hier gerecht werden?

 

  • Was möchte ich durch Perfektion erreichen?

 

  • Was vermeide ich möglicherweise, weil ich denke ich bin nicht perfekt genug?

 

  • Welche Vorteile hat mein Perfektionismus?

 

  • Welche Nachteile?

 

  • Welches Bedürfnis steht hinter meinem Wunsch perfekt zu sein?

 

Perfektionismus ist der größte Feind des Glücks

Er erzeugt zwangsläufig Misserfolge, Druck und Schuldgefühle. Schuldgefühle machen ängstlich und unsicher und das nützt niemandem. Streich lieber alle Sachen, die nicht wirklich dringend sind oder die Dir nicht gut tun von der Agenda. Sobald der Kopf frei ist, kommt der Elan zurück. Das Leben wird viel leichter und der Berg ist nicht mehr so hoch.

 

Wie ist das bei Dir – gibt es in Deinem Leben Gedanken, die Dich besonders stressen?

 

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