Verstand: Vom Herrscher zum Diener

Denken macht nicht glücklich und es heilt uns auch nicht. Das Bedenken und Analysieren unseres Lebens hält uns beschäftigt – aber glücklich macht es uns nicht. Dieser Artikel nähert sich der Frage, wie wir unseren Verstand wirklich nutzen können und wann er gegen uns arbeitet.

Denken beherrscht einen großen Teil unseres Wachzustandes

Wir denken am Tag rund 80.000 Gedanken. Davon sind viele wirklich sinnlos oder schlimmstenfalls so automatisiert, dass es uns nicht mal auffällt. Einige Gedanken erniedrigen uns, andere überhöhen uns – die wenigsten sind konstruktiv und führen uns in ein besseres Leben.

Wir können uns die schönsten Dinge ausmalen und in Gedanken lebendig werden lassen oder uns die abstrusesten Horrorszenarien ausmalen – nichts davon ist real und doch werden derartige Gedanken körperlich für uns spürbar.

Zeit, dass wir Herr über unseren Verstand werden, oder?

Der Verstand hält uns oft in einer Distanz zur Direktheit des Lebens.

Er reflektiert, analysiert, zensiert oder spekuliert.

Und oft arbeitet er gegen uns. Wenn wir nicht aufpassen, dann verrennt er sich in ungesunden Meinungen und festgefahrenen Glaubensätzen über uns und die Welt. Er untermauert alles, was dafür spricht uns zu schützen und gegen die Welt abzugrenzen.

Gedanken über Gedanken, die neue Gedanken mit sich bringen und Beweise finden, dass alles wie immer ist oder wir es scheinbar schon kennen.

Wie können wir unseren Verstand konstruktiv nutzen?

Der Verstand ist weder gut noch schlecht.

Aber wenn wir ihn sich selbst überlassen, kann er wahnhaft und ruhelos werden.

Je stiller der Verstand wird, desto mehr kannst du erfahren, wie das Leben tatsächlich ist.

Ein unkontrollierter Verstand plappert nach, was er gelesen hat oder verstrickt sich in Theorien über das Leben. Wie jemand, der noch nie Fußball gespielt hat aber vom Spielfeldrand den anderen ständig zu schreit, wie man Tore schießt.

Ein wacher Verstand kann wirklich denken. Und denken heißt nicht, nachplappern, wiederkäuen oder bestehen auf etwas Gewohntem.

Denken heißt auch, mitzubekommen, dass das Leben Bewegung ist

Dass das Leben veränderlich ist, dass es ein Prozess ist, dass ich und du nichts Festgelegtes sind, dass es überhaupt nichts Festgelegtes gibt – außer meine Sichtweisen, Meinungen, Glaubenssätze und Überzeugungen über etwas.

Wenn du verstehst, dass das Leben veränderlich ist, dann dürfen Dinge kommen und gehen. Gedanken dürfen gedacht werden. Du durchdringst, dass es so und so sein kann, ob dir das gefällt oder nicht. Du entdeckst wohin es dich zieht und hörst auf vor zu konstruieren.

Und wenn sich Pläne ändern, dann ändern sich Pläne.

Oft verstrickt uns der Verstand in komplexe Fragen, die uns im Kreis herumführen und uns in die Enge treiben.

Wieso-Weshalb-Warum-Fragen stehen ganz oben auf der Liste.

  • Warum regnet es?
  • Weshalb befinde ich mich in dieser Situation?
  • Wieso bin ich so klein oder so groß?
  • Warum waren meine Eltern nicht verständnisvoller?
  • Wieso habe ich mir das Knie gestoßen?
  • Weshalb bin ich der oder die, die ich bin?
  • Warum sehe ich so aus und nicht anders?
  • Wieso geht es mir so?
  • Warum mag ich dies und jenes nicht?
  • Weshalb mag er mich nicht oder ich ihn nicht?

Bei W-Fragen besteht immer der Wunsch, dass sich damit etwas Sinnvolles verbindet.

Meist gibt es keine Antwort.

Der Verstand hält uns mit Spekulationen beschäftigt

Er versucht alles einzutüten und ein Label drauf zu kleben.

Er stellt Fragen über Fragen, die sich immer wieder an sich selbst aufhängen oder neue, noch sinnlosere Fragen aufwerfen.

Wir können uns ein Leben lang mit W-Fragen beschäftigen, anstatt in die Tiefe zu gehen und genauer hinzuschauen.

Tatsache ist, wir sind hier und wir sind lebendig

Wir leben jetzt und in jedem Moment schreibt sich die Geschichte neu. Ganz einfach, weil das Leben nichts Statisches ist. Es ist in Bewegung, es verändert sich, entwickelt sich, erneuert sich. Jeder Moment ist anders als der zuvor.

Unser Verstand möchte alles erklären, rationalisieren, festhalten, eine logische Erklärung finden und dann dingfest machen. Wenn er keine Lösung findet, dann denkt er sich eine aus. Konstruiert wild herum und sammelt Gedanken, die seine neuen Konzepte bestätigen.

Lauter Theorien über mich, dich, das Leben und die Welt, die meist nichts mit mir, dir, dem Leben und der Welt zu tun haben.

Schon allein deswegen nicht, weil wir lebendig sind, keine Dinge oder Tatsachen. Wir sind keine Theorie sondern ein lebendiger Prozess, der sich in diesem Moment so fühlt und im nächsten wieder anders.

Warum also alles theoretisieren?

Ich kann erleben. Hier und Jetzt. Das ist sicher. Ich schmecke, ich rieche, ich fühle. Ich kann bemerken, wohin es mich zieht, was mir gefällt und was nicht..

W-Fragen zerstreuen mich und hindert mich daran, meinen lebendigen Impulsen zu folgen. Ich muss mich nicht hinterfragen. Der Verstand möchte mich als lebendigen Ausdruck festnageln. Dabei bin ich hier und kann entdecken und erleben, wie die Dinge sich für mich anfühlen. Das belehrt mich viel direkter als irgendein theoretisches Konstrukt.

Du bist keine Theorie, weil du hier bist, weil du lebst. Und hier können Dinge passieren, die wir uns nicht vorstellen können, weil sie wirklich sind. Unser Verstand ist nicht kreativ genug, um sich das echte Leben auszudenken.

Wichtig ist, den Verstand auf eine klare und wirksame Weise zu nutzen. Die Angst deinen Job zu kündigen, obwohl er dich unglücklich macht, kann z.B. als haltlos entlarvt werden. Und zwar dann, wenn du weiter denkst und dir bewusst machst, dass du nicht verhungern wirst nur weil du einen Job, der nicht zu dir passt, aufgibst.

Den Verstand als praktisches Werkzeug nutzen

Wenn ich einen Kuchen backen will, dann muss ich wissen wie viel Mehl und Wasser ich brauche und wie lange die Backzeit ist.

Oft wird unser Denken aber verworren und überflüssige Gedanken schleichen sich ein: Ich habe Leute eingeladen, wenn denen der Kuchen nicht schmeckt, dann denken sie vielleicht, dass ich eine miese Hausfrau bin und sowieso nichts richtig gut kann…

Jiddu Krishnamurti bezeichnet diese Art des Denkens als psychisches Denken.

Psychisches Denken ist überflüssig, führt zu nichts und macht dich nicht zum besseren Menschen oder Kuchenbäcker. Es arbeitet gegen dich, anstatt für dich.

Denken als Flucht

Der Psychoanalytiker Hermann Beland glaubt, dass 95 Prozent des Denkens nur die Funktion des Vermeidens erfüllt. Das heißt, es hält uns von dem ab, was uns innerlich ruft und gelebt werden will.

Der Verstand wird dann zum Freund, wenn er sich selbst reflektiert und bewusst eingesetzt wird. Er kann entwerfen, lernen, Alternativen überlegen, planen und ins Tun führen.

Ansonsten darf und kann er gerne in den Hintergrund treten. Dann zeigt uns das Leben vielleicht etwas, was wir vorher nicht bedacht oder uns vorgestellt haben. Wir werden zu einem Feld aus Möglichkeiten, die sich entdecken können.

Wenn du dich aus deinem Gedankenkorsett befreien möchtest, dann schau gerne mal auf meiner Seite ERGO/ART vorbei.

Alles Liebe,

Bine

Das könnte Dich auch interessieren …

1 Antwort

  1. November 20, 2019

    […] sind sie nichts als unfreundliche Gedanken, die kaum etwas mit der lebendigen Wirklichkeit des Lebens zu tun […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.