Selbstoptimierung ? Hier liegt der Haken

In unserer selbstoptimierten Welt ist kein Platz für Negativität.

Wir wollen sie nicht haben. Aber da ist sie trotzdem. Sie ist in der Welt und in uns.

Neid, Eifersucht, Wut, Angst, Traurigkeit und Langeweile.

All das wird uns begegnen. Frust z.B. darüber, dass unser Leben nicht so prall ist, wie das unserer Social Media Freunde.

Klar, es ist schön, die Welt daran teilhaben zu lassen, wie toll unser Essen aussieht, wie gesund es ist, wie gestählt unser Sixpack ist und was für verdammt coole Kurztrips wir mit der heißen Frau an unserer Seite unternehmen.

Aber das suggeriert auch: Hier gibt es keine Probleme, keinen Stress, keine verschimmelten Saucen im Kühlschrank, keine Geheimnisse, keine schlechten Tage und keinen Streit.

Schlechte Gefühle sind nicht sexy und kompatibel. Aber sie sind da, ob wir wollen oder nicht. Es liegt in der Natur des Menschen, sich ab und an schlecht zu fühlen.

So lernen wir. Zum Beispiel, doch nicht mehr auf die heiße Herdplatte zu greifen oder für die nächste Prüfung besser vorbereitet zu sein, um nicht schon wieder durchzufallen. Schmerz gehört dazu. Das tolle Sixpack bekommst Du nicht vom auf der Couch sitzen. Du musst trainieren. Womöglich drei mal die Woche. Das kostet Kraft, Zeit und Energie. Und macht nicht immer Spaß.

Das tolle Foto in der Timline enthält uns den Weg dahin vor.

Und genau das ist das Problem. Wir glauben, den anderen fliegt alles zu und sie zahlen keinen Preis. Tun sie aber. In dem sie sich ins Studio quälen, in einer Sache richtig gut werden, Zeit opfern (die dann woanders fehlt), schwitzen, kämpfen, verlieren und wieder aufstehen.

Selbstoptimierung macht nicht zwingend erfolgreich und glücklich. Manchmal geht das Hand in Hand. Aber nicht immer.

Unsere negativen Gefühle und unser Schmerz sind die besten Lehrmeister. Sie sind es, die den Unterschied machen. Wut treibt uns an, Angst warnt uns und Traurigkeit zeigt uns, dass wir in eine andere Richtung gehen müssen (genau wie damals schon die heiße Herdplatte). Also wozu damit hadern? Bringt doch nichts, außer dem Gefühl, dass mit uns etwas nicht stimmt. Weil uns manchmal langweilig ist, uns etwas stresst oder zu viel wird.

Das ist NORMAL. Das Eine gibt es ohne das Andere nicht.

Ich kann nicht aus vollem Herzen lachen, wenn ich nicht auch mal wirklich traurig war. Richtig traurig. Nicht nur so Ach-weg-damit-das-darf-nicht-sein-traurig.

Wenn ich nicht weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand mich enttäuscht, kann ich nicht schätzen, wenn sich jemand für mich einsetzt. Ein ständiges Geben und Nehmen. Und eben mehr, als uns die Picture Perfect Welt unserer Facebook Timline suggeriert.

Gefühle haben alle ihren Sinn und ihre Berechtigung.

Ein kleines Beispiel.

Angeblich ist es völlig falsch, eifersüchtig zu sein. Das, so die Meinung vieler, zeigt nur wie unsicher du bist. Und Unsicherheit darf nicht sein. Unsexy. Out. Von gestern. Evolutionsbiologisch gesehen ist sie aber durchaus sinnvoll – zumindest in gesundem Maße. Unsere Vorfahren, die eifersüchtiger waren als der Rest, haben überlebt.

Warum?

Eifersüchtige Reaktionen haben sich im Lauf der Jahrtausende durchgesetzt. Sie waren sinnvoll für das Überleben der Gattung. Eifersüchtige hatten besserer Überlebenschancen und vermehrten sich damit erfolgreicher als die nicht eifersüchtigen. Männer mussten schon seit je her darauf achten, dass sie ihre Energie nicht in die Aufzucht der Nachkommen ihrer Rivalen stecken. Frauen müssen den Kerl dazu bringen, sich um den Nachwuchs zu kümmern…

Eifersucht ist so etwas wie Beziehungsprävention. Getreu dem Motto: Eingreifen, ehe etwas passiert. Sie ist in uns allen verankert.

Genauso wie alle anderen Gefühle, die wir nicht haben wollen.

Ich fand es früher ziemlich uncool, eifersüchtig zu sein. Ich dachte, ich besitze den anderen ja nicht und habe selbst dann, wenn es Grund zum Eifersüchtig sein gab so getan, als wäre ich total entspannt. Damit habe ich mich und mein Gefühl ignoriert. Das ist wohl genauso unsinnig, wie wenn man eine riesen Szene wegen Nichtigkeiten macht.

Zurück zur Selbstoptimierung.

Wenn es uns also ganz gewöhnlich schlecht geht, dann kann es passieren, dass wir uns noch schlechter fühlen, wenn wir mit Millionen Bildern bombardiert werden, die zeigen, wie toll und aufregend das Leben der anderen gerade läuft.

Und Schwupps denken wir: Mist, hier läuft etwas falsch. Ich mache etwas falsch.

Und jetzt geht das Gedanken-Karussell los: Wir fühlen uns schlecht und denken wir sollten uns nicht schlecht fühlen. Dann bekommen wir ein schlechtes Gewissen, dass das so ist und wir schon wieder ein schlechtes Gewissen haben (obwohl wir doch wissen, dass wir kein schlechtes Gewissen haben sollten) noch mehr schlechtes Gewissen. Mark Manson bezeichnet das treffend als Feedback-Schleife der Hölle.

Was stimmt hier nicht? Der Punkt ist: Alles ist in Ordnung Du bist normal.

Du weigerst Dich nur mit Deinen schlechten Gefühlen umzugehen.

Es ist doch so: Du weißt nie, was bei den anderen hinter verschlossenen Türen abgeht.

Die Selfie-verrückte Nachbarin, deren Kerl sie schon seit zwei Jahren betrügt, der hochdotierte Job, der ein Magengeschwür nach sich zieht, die Food Porn Queen, die Magersucht hat…was wissen wir schon wirklich vom Leben der Anderen?

Nicht falsch verstehen: Ich liebe schöne Dinge und schöne Bilder und bin oft inspiriert von Sachen die andere posten, erleben und teilen.

Der Haken an der Sache: Wenn ich denke, dass mein ganzes Leben auch immer so sein muss.

Es geht darum, dass uns vermittelt wird die Welt bestehe nur aus schönen Dingen und guten Gefühlen. Und dass das der Maßstab ist, mit dem wir unser persönliches Glück messen. Das ist natürlich völlig absurd.

Die Lösung liegt vielleicht darin, die Dinge im rechten Licht zu sehen, sich an den eigenen Maßstäben zu messen und sich so sein zulassen, wie man eben ist. Unvollkommen. Menschlich. Verbesserungswürdig. Aber im realistischen Maße – für einen angemessenen Preis. Was auch immer das heißt…

Ein erster Schritt:

Erlaube Dir schlechte Gefühle. Mache sie zu Deinen Freunden.

Um Dir Gefühle zum Freund machen zu können, musst Du sie respektieren.

Freunde brauchen Respekt.

Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

 

 

 

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