Innere Anteile: Wie sie unsere Ziele sabotieren


Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft – Novalis

Ich bin. So viel ist sicher. Fragt sich nur wie viele und wer von „denen“ die Zügel gerade in der Hand hält.

Wer aufmerksam in sich hineinhört, findet dort meist mehr als eine einzelne Stimme, die sich zu einer bestimmten Situation oder einem Thema zu Wort meldet. In der Regel stoßen wir auf verschiedene innere Anteile, die uns in unterschiedliche Richtungen ziehen.

Die gute Nachricht: Dabei handelt es sich nicht um eine seelische Störung, sondern um einen ganz normalen menschlichen Zustand.

In der Psychotherapie spricht man hier von Persönlichkeitsanteilen oder Voice Dialogue, bei Friedemann Schulz von Thun vom Inneren Team.

Klar ist, wenn verschiedene innere Anteile ein Team bilden, werden Synergien freigesetzt. Das kommt vor allem daher, dass die unterschiedlichen Anteile mehr Wissen und Weisheit in sich tragen, als eine einzelne Stimme allein.

Alles, was Teil von uns ist und bekämpft wird, wehrt sich

Laut Marvin Minsky, Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz, können wir uns unser Selbst wie eine kleine Familie vorstellen. Eine Familie mit eigenem Kopf, eigenen Vorstellungen und eigenen Erfahrungen.

Im Optimalfall arbeiten alle Mitglieder zusammen und helfen sich gegenseitig.

Wenn also dein unbedingter Wille und Wunsch nicht ausreicht, um deine Ziele zu erreichen, könnte das ein Hinweis auf einen Streit deiner inneren Anteile sein.

Manche innere Anteile in uns sind sehr offensichtlich und wir können sie mit ein wenig Achtsamkeit leicht ausmachen. Andere sind scheu und geben sich weniger leicht zu erkennen.

Hier einige Beispiele für innere Anteile, die ungesehen und als „unkoordiniertes Team“ jegliche Ziele boykottieren.

Der strenge Wächter

Er ist sich über alle schmerzhaften Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen mussten bewusst und tut alles, um uns vor erneutem Schmerz durch andere zu schützen.

Dieser Anteil weiß, wie sehr wir einst gelitten haben und hat daraus seine Schlussfolgerungen gezogen. Er kann uns aus einer Situation innerlich herausnehmen, indem er uns dissoziiert und alle Gefühle und Regungen einfriert. Falls wir als Kind extrem belastenden und überfordernden Situationen ausgesetzt waren, in denen es wichtig war nicht von schmerzhaften Gefühlen überflutet zu werden, leitet er uns und unser Handeln öfter, als wir es bewusst mitbekommen.

Der Perfektionist

Ihm kannst du nichts recht machen. Für ihn ist immer noch Platz nach oben. Er vergleicht dich mit anderen und sein Urteil fällt nie zu deinen Gunsten aus. Im positiven Sinne möchte er, dass du mithalten kannst, dich nicht blamierst und ernst genommen wirst. Er treibt dich zu Spitzenleistungen an.

Das Problem: Perfektion gibt es nicht. Du kannst seine Erwartungen nie erfüllen. Er übt unnötigen Druck aus und verhindert oft, dass du überhaupt etwas zu Stande bringst, weil es in seinen Augen nie gut genug ist.

Lesetipp: Warum Perfektionismus nicht glücklich macht

Lesetipp: Ins Tun kommen: 16 Blockaden, die Du überwinden solltest

Das trotzige Kind

Das trotzige Kind reagiert auf Stress tatsächlich kindisch: Null-Bock -Mentalität, totaler Boykott, Fressattacken, cholerische Wutausbrüche, kompletter Rückzug…Alles Dinge, von denen wir eigentlich wissen, dass sie uns nicht weiterbringen oder sogar Schaden.

Innere Kinder gibt es möglicherweise viele in dir und das auch in unterschiedlichen Altersstufen.

Der innere Kritiker

Der innere Kritiker ist oft gnadenlos in seinem Urteil über dich. Unter ihm leiden wir meist besonders stark. Wenn es nach ihm geht, bist du immer schuldig und solltest dich schämen. Er weiß immer alles besser, stellt sich über dich und glaubt genau zu wissen, wie du etwas eigentlich hättest machen sollen. Auch wenn der innere Kritiker nicht real ist, können wir ihn als innere Stimme so ernst nehmen, dass wir von ihm regelrecht klein und handlungsunfähig gemacht werden. Das Verrückte ist: Alles, was der inneren Kritiker an uns auszusetzen hat und kritisiert, ist in seinen Augen nur „zu unserem Besten“.

Der Stimmungsaufheller oder Clown

Ein Alleinunterhalter und Witzeerzähler, der nie wirklich ernst sein kann und die Stimmung immer und überall hoch halten muss.

Der Antreiber

Er will, dass du in die Gänge kommst. Er erzählt dir, dass du viel zu langsam bist und alle anderen schneller sind und den Dreh raus haben.  Er denkt meist, dass sowieso schon alles zu spät ist und das, was immer du dir vorgenommen hast, sowieso nichts wird. Ihm ist egal, wie du dich dabei fühlst, wenn er Druck aufbaut.

Es gibt natürlich noch viele andere Anteile wie z.B. den Helfer, den Helden oder das magische Kind. Diese kleine Aufzählung soll dir nur eine Idee davon geben, wer da alles vielleicht in dir „wohnen“ könnte und dich auf seine ganz spezielle Weise beeinflusst.

Wie können innere Anteile zu einem inneren Team werden?

Wir können mit unseren inneren Anteilen verhandeln und zu einem gemeinsamen Konsens kommen.

Das heißt, wir lassen alle aktiven Anteile zu Wort kommen und hören uns unvoreingenommen ihre Argumente, Meinungen und Stimmungen an.

Fühle dich in den jeweiligen Anteil rein und stelle ihm folgende Fragen:

  • Welche Rolle nimmst du in meinem Leben ein?
  • Was ist deine Aufgabe?
  • Wovor möchtest du mich beschützen?
  • Was müsste passieren, damit wir an einem Strang ziehen?
  • Wovor hast du Angst, was befürchtest du?
  • Was brauchst du, damit du dich sicher und beschützt fühlst?

Sei neugierig, je genauer deine Fragen an den jeweiligen Anteil sind, desto eher wirst du ihn verstehen.

Vielleicht kommen nicht gleich die passenden Antworten. Gib dir einfach etwas Zeit und bleib innerlich offen und erlaube dir die Energie des jeweiligen Anteils zu spüren.

Egal, um welches Ziel es geht:

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist all das anzunehmen (und zu würdigen), was zu uns gehört.

Alles Liebe,

Bine

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