Helfersyndrom: Wer hilft hier wem?

 

Vielleicht fühlst Du Dich Dein Leben lang schon zu Menschen hingezogen, denen es schlecht geht. Schlechter als Dir. Du spürst ihren Schmerz, ihre Traurigkeit, ihre Einsamkeit und kannst wahrnehmen, dass sie sich selber nicht sehen.

 

Du siehst, wozu sie selber nicht in der Lage sind: dass sie liebenswert, schön und perfekt sind, so wie sie sind.

 

Dann hast Du möglicherweise den Impuls, ihnen genau das klar zu machen und ihnen zu helfen.

 

Dagegen ist ja erst mal nichts einzuwenden.

 

Die Kehrseite der Medaille ist allerdings oft, dass Du hier Deinem eigenen Schmerz begegnest und ihn in den anderen projizierst. Du erkennst den Wert des Anderen, bist aber nicht in der Lage, Deinen eigenen zu erkennen.

 

Dein Gegenüber spiegelt Dir Deine eigene Not. Dein eigenes Verlassensein, nicht gesehen werden, was auch immer es ist.

 

Möglicherweise verliebst Du Dich sogar in diesen Menschen. Wobei dieses Verliebtsein eigentlich nichts mit wirklicher Liebe zu tun hat.

 

Das ist oft nicht leicht zu durchschauen.

 

Derjenige, dem Du helfen möchtest, ist geradezu perfekt dazu geeignet, Dich von Deinen eigentlichen Themen abzulenken. Wir sind oft bereit Verantwortung für jemanden zu übernehmen, weil wir nicht in der Lage sind, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen.

 

Daraus kann natürlich nichts Gutes entstehen.

 

Zwei Bedürftige prallen aufeinander.

 

 

Brauchen oder wollen?

 

Wenn es zu einer Beziehung kommt, dann geht es oft nicht darum, dass man den anderen will, sondern darum, ihn zu brauchen. Das ist ein riesiger Unterschied. Wenn ich jemanden brauche, dann begebe ich mich in eine Art Abhängigkeit.

 

Dem Helfer ist unbewusst sogar sehr daran gelegen, dass der Schwächere schwach bleibt, weil er ja sonst nicht mehr gebraucht wird.

 

Ganz nach dem Motto: Ohne mich bleibst du klein und das gibt mir die Sicherheit, dass du mich nicht verlässt.

 

Das hat nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe zu tun.

 

Das soll natürlich nicht heißen, dass man seinem Partner nicht zur Seite steht, wenn er sich schwach und hilflos fühlt oder Zuspruch benötigt. Es geht vielmehr darum, dass Beziehungen, die aus der scheinbar selbstlosen Position des Helfens heraus entstanden sind, meist ungesunde Beziehungen sind.

 

Wer Dornrösschen oder den Prinzen retten will, tut dies meist bis zur völligen Selbstaufgabe und beißt sich dabei die Zähne aus. Alle Bemühungen den anderen zu verändern und ihm zu helfen, bleiben erfolglos oder versanden.

Wer dann am Ende ausgebrannt und depressiv wird, stellt möglicherweise zum x-ten Mal fest, dass er wieder mal weit über sein Grenzen hinaus gegangen ist. Meist, ohne das überhaupt gespürt zu haben.

 

Hier kannst Du Dich fragen:

 

Welche Art von Beziehung will ich führen? Will ich gebraucht oder gewollt werden?

 

Alte Muster

 

Dem Wunsch zu helfen, liegt oft ein altes Muster aus der Kindheit zu Grunde. Wir haben die Tendenz aufgrund vergangener Erfahrungen, wieder ähnliche Erfahrungen zu kreieren. Menschen mit Helfertendenzen haben oft als Kind versucht eine Situation zu lösen, der sie nicht gewachsen waren und die für sie tatsächlich unlösbar war. Jetzt kreieren sie wieder eine vergleichbare Situation und ernten erneut das alte Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung.

 

Wenn Helfertypen ihre Muster durchschauen, dann wird ihnen oft klar, dass es ihr angeknackster Selbstwert ist, der sie dazu bringt sich hilfsbedürftige (unterlege) Partner zu suchen.

 

Bei Partnern auf Augenhöhe wäre die Angst, für die eigene Bedürftigkeit abgelehnt zu werden, viel zu groß. Jemand der scheinbar schwächer ist, kann man retten und aus seinem Dornröschenschloss befreien. Das macht mich als Retter einzigartig. In meiner Phantasie knacke ich das Herz des anderen, bin der Einzige der an diesen Menschen rankommt und werde somit zu etwas ganz Besonderem. Ich werde gebraucht und mache mich unentbehrlich. Retter leiden oft unter unbewussten Verlustängsten und haben Probleme echte Nähe zuzulassen.

 

Die Idee dahinter: Jemand der mich dringend braucht, der verlässt mich nicht. Gleichzeitig kommt er mir selber nicht so nah, weil er ja viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist.

 

Als Retter kann ich mich immer nach einer Form der Nähe sehnen, die ich vom scheinbar Unterlegenen nie bekomme.

 

Der Kampf um Liebe und Aufmerksamkeit, den viele als Kind schon gekämpft haben, geht hier in neuer Verpackung weiter.

 

 

Verliebt ins Drama – Hauptsache fühlen

 

Oft wird eine ungelöste Situation immer wieder neu inszeniert und wiederholt, um sie zu heilen. Unser Unterbewusstsein speichert zeitlos. Das, was uns mit 5 Jahren passiert ist, kann sich noch in jeder Altersstufe so anfühlen, als sei es gerade jetzt passiert.

Man kann sich in eine Art Helfer-Drama flüchten. Dass heißt, anstatt aus der gescheiterten Beziehung zu lernen immer wieder ähnliche Beziehungen eingehen. Hier wird das Drama immer wieder inszeniert, um die ursprüngliche Situation zu lösen.

Der Vorteil:

Im Drama, das begrenzt und bekannt ist, kannst Du schmerzhafte Gefühle zulassen, weil Du sie kennst und schon oft aushalten musstest. Sie sind Dir vertraut. Darüber hinaus hilft Dir das Drama Dich lebendig zu fühlen oder Dich überhaupt zu fühlen. Andere Gefühle musstest Du womöglich schon immer wegschieben, um zu funktionieren. Im Drama darf alles an die Oberfläche. Hier fühlst Du Dich Dir nah. Selbst, wenn Du mit sehr bedrohlichen Gefühlen konfrontiert bist.

 

 

Die Chance zu heilen

 

Du kreierst Dir eine Situation, die Du schon kennst und kannst das Muster dahinter durchschauen. Oft geht es darum, Gefühle die Du als Kind nicht fühlen durftest, endlich ungefiltert zu fühlen.

 

Wenn du beispielweise als Kind ständig überfordert warst, weil Deine Eltern sich gestritten haben, Du jemanden trösten musstest oder Ähnliches, Du aber diese Überforderung nicht fühlen durftest, weil das Deine Eltern noch trauriger oder wütender gemacht hätte, dann ermöglicht Dir Dein Gegenüber, dem Du helfen willst und der Dich auflaufen lässt, genau diese Hilflosigkeit zu spüren.

Andere Menschen berühren diese (oft jahrelang) unterdrückten Gefühle in uns und wir können endlich wieder mit ihnen in Kontakt kommen.

Jemandem helfen wollen, der sich nicht helfen lässt, zu macht, Dich ablehnt oder demütigt ist genau der Richtige, um wieder mit Dir in Berührung zu kommen und Dich endlich mal zu spüren.

 

Der alte Schmerz sitzt sowieso in Dir und hemmt Dich bei allem, was Du tust. Die Bereitschaft ihn zu fühlen, ist das Beste, was Du für Dich tun kannst.

 

Der Mensch, der Dich verletzt oder enttäuscht, ist auf einer tieferen Ebene derjenige, der Dir die Chance gibt Dich zu erkennen.

 

Wir sind alle miteinander verbunden und müssen uns nicht alleine aus dem Schlamassel rausholen. Ehrliches, offenes Hinschauen und die Bereitschaft sich und besonders seine Gefühle anzunehmen sind der Schlüssel in die Freiheit.

 

Oder wie Gregg Braden es formuliert: Schmerz ist der Lehrer, Weisheit die Lexion.

 

Projektionen zurück nehmen

 

Wenn Du beispielsweise einem Typen hinterherrennst, der kurz darauf in der Psychiatrie sitzt (extremes Beispiel, aber das ist nicht unrealistisch) kannst Du Dir sicher sein, dass ein Teil von Dir auch in der Gummizelle sitzt. Und zwar genau der Teil, den Du verzweifelt im Außen suchst. Hier bekommst Du jetzt die Chance Deine eigene Hilflosigkeit wahrzunehmen und anzuschauen.

 

Wenn Du anfängst, dass was Du beim Anderen heilen willst zu Dir zurück zunehmen, kannst Du erkennen, dass es hier um Deine eigenen Verletzungen geht.

 

Im Außen kannst Du nichts verändern. Im Gegenteil, Du flüchtest vor Dir selbst, um etwas Unangenehmes nicht fühlen zu müssen.

 

Aber genau darum geht’s.

 

Hinfühlen und Dich selber liebevoll annehmen. So, wie Du es mit Deinem Partner im Außen tun würdest.

 

Wenn Du Dir z.B. immer Partner suchst, die distanziert und kalt sind, kannst Du Dich fragen:

 

  • Wo bin ich selbst so zu mir oder zu anderen?
  • Welche Teile von mir projiziere ich nach außen?
  • Wo bin ich abgebrüht, berechnend?
  • Distanziert und nicht erreichbar?

 

 

Zu uns selbst zurückkommen

 

Meistens geht es uns erst mal besonders schlecht, wenn wir kein Gegenüber mehr haben, mit dem wir uns von uns selbst ablenken können.

 

Wir sind auf uns selbst zurück geworfen.

 

Ohne Ablenkung.

 

Und jetzt?

 

Entweder ein neues Ziel im Außen suchen und alles wieder rausprojizieren. Oder einfach ehrlich hinschauen. Das tut weh und (das ist das Entscheidende) befreit.

 

Letztendlich geht es hier immer nur um Dich.

 

Dein Nein zu Dir selbst.

Du möchtest geliebt werden wie Du bist, darfst Dich aber nicht zeigen.

 

Eine Strategie, um geliebt zu werden: helfen, sich nützlich machen, sich kümmern, gebraucht werden.

 

Am Helfen und sich nützlich machen ist ja an sich nichts verkehrt. Es wird nur dann zum Problem, wenn wir uns dadurch von unseren eigenen Problemen ablenken, es nicht aus freien Stücken tun und den anderen manipulieren, um seine Liebe zu bekommen.

 

Je mehr wir aus freien Stücken handeln, desto mehr können wir anderen wirklich helfen und etwas bewirken.

 

Hier gilt das Motto: Gib, wenn Deine Tasse voll ist. Aber nur dann.

 

Ich freue mich, über einen Kommentar von Dir!

 

 

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1 Antwort

  1. Oktober 6, 2018

    […] wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Manchmal ist der Mensch, der uns begegnet, allerdings nur ein kosmischer Helfer, der uns an einen alten Schmerz erinnert, den es zu heilen […]

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