Bipolare Störung: Akt auf dem Drahtseil


Eine Bipolare Störung: das heißt, in einem Moment am Boden zu sein und im nächsten Moment in den Wolken zu tanzen. In beliebiger Reihenfolge und Dauer. Was es damit auf sich hat und was außer Medikamenten helfen kann.

Kennst Du das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen und vor Energie nur so zu strotzen? Dann kennst Du vielleicht auch das Gefühl, nicht mehr da sein zu wollen und dich überfordert und antriebslos zu fühlen.

Was wir erfahren, ist Dualität. Da gibt es kein entkommen. Hier sein wollen und nicht hier sein wollen. Heiß und kalt. Zwei Zustände, die in unzähligen Varianten auftreten.

Oberflächlich gesehen wissen wir, dass ohne Aktivität keine Passivität, dass ohne Hässlichkeit keine Schönheit, ohne Höhenflug kein Absturz in Erscheinung tritt.

Wir alle erleben das in unterschiedlichen Ausprägungen.

Menschen mit einer Biopolaren Störung erleben ihre Gefühle oft um ein Vielfaches intensiver

Erst Glück, dann Leere. Anstatt Stärke plötzlich Schwäche.

Die Bipolare Störung gehört wie die Depression zu den sogenannten affektiven Störungen. Das bedeutet, dass sie sich auf die Gefühle der Betroffenen auswirkt. Sie erleben starke Stimmungsschwankungen, für die es nicht immer einen äußeren Auslöser gibt. Manische Phasen mit großer Euphorie, Energie und Selbstüberschätzung schlagen plötzlich um in depressiven Phasen. Die Betroffenen sind dann niedergeschlagen, antriebslos und schlimmstenfalls suizidgefährdet.

Umgangssprachlich wird die Bipolare Störung als Manische Depression bezeichnet.

Eine Bipolare Störung wird unterteilt in:

  • Bipolar-I-Störung: abwechselnd auftretende depressive und manische Phasen
  • Bipolar-II-Störung: abwechselnd auftretende depressive und nur leicht manische (hypomane) Phasen
  • Zyklothymia: abwechselnd auftretende depressive und manische Phasen in stark abgeschwächter Form

Multifaktorielle Ursachen

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass eine Bipolare Störung durch die Wechselwirkung von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren entsteht.

Manche Menschen haben genetisch bedingt eine höhere Wahrscheinlichkeit, an der Störung zu erkranken (eine so genannte genetische Vulnerabilität). Außerdem lassen sich bei ihnen Störungen im Gleichgewicht der Neurotransmitter beobachten. So besteht während einer Depression ein Mangel an Serotonin und Noradrenalin, während bei einer Manie die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht sind.

Es scheint so, dass bei Menschen mit einer Bipolaren Störung die Konzentration der verschiedenen Neurotransmitter leichter aus dem Gleichgewicht gerät. Außerdem sind sie anfälliger dafür, dass biologische Rhythmen (z.B. der Schlafrhythmus) durcheinander geraten.

Neben den biologischen Einflüssen sind auch die individuellen Lebensumstände an einer Bipolaren Störung beteiligt. Vor allem Stress scheint ein Auslöser für manisch-depressive Schübe zu sein. Symptome einer Manie können aber auch durch Drogen wie :

  • Alkohol
  • LSD
  • Marihuana
  • und Kokain

ausgelöst werden.

Zu weiteren ungünstigen Faktoren zählen:

  • eine unregelmäßige Lebensführung
  • Trennung/Mobbing/Tod eines Angehörigen
  • Traumatsche Erfahrungen in der Kindheit
  • Drogen
  • destruktives Umfeld
  • unregelmäßiges Schlafverhalten

Erhöhte Suizidgefahr

Bei einer Bipolaren Störung ist das Risiko für einen Suizid besonders hoch. Negative Gedanken und Gefühle lassen die Betroffenen verzweifeln. Gleichzeitig treibt die manische Energie sie an. Diese gefährliche Kombination kann bewirken, dass sie ihre Suizidgedanken aus einem Impuls heraus in die Tat umsetzen.

Schwer zu diagnostizieren

Eine Bipolare Störung wird meist erst später erkannt. Nur ein Drittel der Betroffenen findet den Weg zum Hausarzt. Und nur zehn Prozent suchten einen Psychiater auf.

Die Bipolare Störung ist nicht leicht zu diagnostizieren, weil sie oft mit anderen psychischen Störungen wie z.B. einer klassischen Depression, einer Schizophrenie oder einer Borderline Störung verwechselt wird. Die manische Phase wird von den Angehörigen und Betroffenen oft als „aufgedrehte Stimmung“ interpretiert. Daher dauert es oft Jahre, bis eine richtige Diagnose gestellt wird.

Vor allem die Bipolar-II-Störungen werden häufig mit rezidivierenden depressiven Störungen verwechselt, weil die hypomanen Phasen nicht erkannt und in der Therapie nicht erwähnt werden. Menschen mit Zyklothymia gehen vermutlich gar nicht erst zum Arzt.

Mangelnde Krankheitseinsicht

Einen Menschen mit manischen Symptomen zur Vernunft zu bringen ist äußerst schwierig. Es ist so, als ob du jemandem der den schönsten Trip seines Lebens hat darüber informieren willst, dass Drogen wirklich nicht gesund sind.

Lässt sich derjenige dennoch dazu überreden zum Arzt zu gehen, ist es sinnvoll, die engsten Vertrauten ebenfalls zu befragen. Ohne Krankheitseinsicht sind die Beobachtungen von nahestehenden Personen sehr hilfreich, um überhaupt eine Diagnose erstellen zu können.

Das Umfeld leidet mit

In der Manie richten die Betroffenen oft am meisten Schaden an: Sie sind uneinsichtig, überdreht, getrieben, rücksichtslos, rastlos, aggressiv, übergriffig und unberechenbar.

Das bereitet meist dem Umfeld die größten Sorgen. Partner, Freunden und Kindern lässt sich kaum vermitteln, warum ein vertrauter Mensch, sich plötzlich aufführt als sei er dem Wahnsinn verfallen.

Verlauf

Eine Bipolare Störung verläuft individuell sehr unterschiedlich. Der Krankheitsverlauf hängt auch von der Art der Bipolaren Störung ab. Bei der klassischen Form, der Bipolar-I-Störung, wechseln sich manische und depressive Phasen ab.

In der Bipolar-II-Störung überwiegen die depressiven Phasen und es treten nur sogenannte „hypomane Phasen“ auf. Bei der Zyklothymia sind sowohl die manischen als auch die depressiven Phasen nur schwach ausgeprägt.

Auf den ersten Blick erscheint eine Bipolar-II-Störung wegen der leichter ausgeprägten Symptome als weniger schwere Störung. Doch hier sind die Phasen mit stabiler Stimmung oft kürzer als bei den andern beiden Störungen, was ebenfalls sehr belastend ist.

Immer noch ein gesellschaftliches Tabu

Depressionen sind im Gegensatz zu bipolaren Störungen eine gesellschaftlich anerkannte und weitverbreitete Störung. Aber kaum einer redet darüber, unter unverschämt hohem Selbstwertgefühl, Genusssucht und riskant großen Plänen zu leiden.

Die bipolare Störung gilt als Krankheit der Kreativen. Vincent van Gogh soll bipolar gewesen sein, Sylvia Plath, Ernest Hemingway, Robert Schumann, Virginia Woolf, Hermann Hesse…

I hate being Bi-Polar. It´s  awesome – schrieb Kanye West auf das Cover seines Albums Ye. Er bezeichnet seine bipolare Störung als seine Superpower – womit er vielleicht recht hat. Gut möglich, dass wir einige bedeutende künstlerische Errungenschaften der bipolaren Störung zu verdanken haben.

Genialität und Wahnsinn liegen dicht beieinander

Ein Forscherteam der Universität Reykjavik konnte feststellen, dass tatsächlich ein Zusammenhang besteht zwischen dem Risiko an einer affektiven Störung zu erkranken und einer erhöhten Kreativität. Menschen mit kreativen Berufen trugen überdurchschnittliche viele Risikogene für Schizophrenie oder eine Bipolare Störung.

Was kann man tun?

Während einer akuten manischen Phase steht die Behandlung mit Medikamenten im Vordergrund. Dennoch sind sich Experten heute einig, dass eine Kombination von medikamentösen und psychotherapeutischen oder psychosozialen Behandlungsansätzen am erfolgversprechendsten ist.

Ein wichtigstes Ziel der Therapie ist es weitere Krankheitsphasen zu verhindern oder so lange wie möglich hinauszuzögern.

Mittlerweile steht fest: Regelmäßiger und ausreichender Schlaf verringert die Gefahr einer manischen oder depressiven Phase. Wichtig ist auch für Betroffene gut über ihre Krankheit bescheid zu wissen, ihren Tag gut zu strukturieren und in einem stabilen Umfeld zu leben.

Als weitere Schutzfaktoren gelten:

  • Gute Strategien zur Stressbewältigung
  • ein selbstverantwortlicher Umgang mit Medikamenten
  • eine stabile Partnerschaft oder die Unterstützung von Angehörigen
  • die Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit
  • Mit Konditionierungen und inneren Überzeugungen auseinander setzen, die den Ausbruch einer Depression oder Manie fördern können
  • Informationen zur Entstehung der Erkrankung und zu einem besseren Umgang mit ihren Symptomen (Psychoedukation)
  • Der Besuch einer Selbsthilfegruppe
  • Verbesserung der Frustrationstoleranz
  • Guter Umgang mit den eigenen Gefühlen
  • Einbeziehen des engeren Umfelds in die Therapie

Ist eine Bipolare Störung heilbar?

Tatsächlich verschwinden die Gefühlsschwankungen bei einem guten Drittel der Patienten dauerhaft.

Trotz alledem: Eine Bipolare Störung gilt als sogenannte Lifetime-Diagnose. Die Vulnerabilität für die Symptome bleibt ein Leben lang bestehen. Das bedeutet: Man hat sein Leben lang ein deutlich erhöhtes Risiko, erneut an einer Manie oder Depression zu erkranken.

Kann man mit einer Bipolaren Störung ohne Medikamente leben?

Viele Patienten setzen ihre Medikamente ab. Einerseits, weil die Medikamente nicht nur das Erleben der Tiefs, sondern auch das der Hochs kappt, andererseits weil sie zum Teil starke Nebenwirkungen haben.

Hier meine persönliche Meinung:

Wir können alle nur unsere eigene Welt erleben und uns über unsere Erfahrungswirklichkeiten miteinander austauschen.

Nehmen wir an jemand hat die Diagnose Bipolare-II-Störung. Nennen wir denjenigen mal Fritz. Fritz kann nur seine Welt Erleben. (Aus dem einfachen Grund, weil er in diesem Leben Fritz ist). Wenn Fritz sich jetzt wirklich gut kennt oder bereit ist, sich und sein Erleben richtig gut kennen zu lernen, dann kann er darauf aufmerksam werden, wann er dazu neigt manisch oder depressiv zu werden. Und in welcher Ausprägung das passiert. Ihm könnte auch bewusst werden, dass die Instanz die diese Zustände wahrnimmt, unberührt von ihnen bleibt und beständiger ist, als es je ein Zustand sein könnte.

Er kann dafür sorgen, ausreichend zu schlafen, Sport zu treiben und sich körperlich gut wahr zu nehmen. Wenn er darüber hinaus seine alten Wunden heilt und sich nicht mehr von einem getriebenen Verstand in die Überforderung treiben lässt, dann hat er gute Chancen auf ein ziemlich „normales“ Leben. Ohne Medikamente, mit gelegentlichen Hochs und Tiefs im grünen Bereich.

Wer über so eine kreative Superpower in sich verfügt, hat eine sehr große Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber.

Falls Du betroffen bist: Du solltest richtig gut auf Dich aufpassen und Dir gegebenenfalls wirklich Hilfe holen. Du hast meinen absoluten Respekt, mein Mitgefühl und meine Liebe.

Alles Liebe,

Bine

PS: Wenn du Erfahrungen mit der Krankheit hast, dann freue ich mich sehr von Dir zu hören.

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1 Antwort

  1. September 26, 2019

    […] Bipolar, Burnout, ADHS, Anpassungsstörung, […]

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