Annehmen was ist – Warum es oft falsch verstanden wird

 

Wir haben es alle schon zig Mal gehört: Die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, das erleichtert unser Leben. Wir sind nicht mehr im Widerstand. Mit dem Nachbarn, dem Partner, der Welt.

 

Wir können andere Menschen sowieso nicht ändern. Veränderung muss von innen kommen. Wozu sollten wir also an anderen rumdoktern?

 

Wenn es regnet, dann regnet es. Auch dann, wenn wir ein Grillfest geplant haben. Warum sollten wir uns ärgern? Ärgern bringt doch nichts – außer schlechter Biochemie, die unseren Körper stresst. Also, weg mit dem Ärger oder der Wut.

 

Negative Gefühle sind nicht gut für uns.

 

Ungesund.

 

Wirklich?

 

Fakt ist: Schlechte Gefühle sind in Verruf gekommen. Wir wollen sie nicht.

 

Freude passt immer. Keine Frage.

 

Aber Angst, Traurigkeit oder ein Schamgefühl?

 

 

Spontanes Fühlen ist gesund

 

 

Margareth E. Kemeny, Professorin für Psychiatrie an der Universität von San Francisco, hat die Zusammenhänge zwischen emotionalem Erleben und unserem Immunsystem erforscht.

 

Sie stellte fest: spontan zugelassenen und ausgedrückte Gefühle beeinflussen das Immunsystem exakt gleich. Der Körper war für die Dauer des erfahrenen Gefühls widerstandsfähiger als ohne das Gefühl – und zwar unabhängig davon, um welches Gefühl es sich handelte. Das Immunsystem reagiert offenbar gleich auf spontan ausgedrückte Trauer, Freude, Wut oder Angst.

 

Nur wenn diese Gefühle angestaut werden, zeigen sich die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit.

 

Es macht also Sinn, sich alle unsere Gefühle als Kräfte zu erschließen – auch die negativen.

 

Nicht um jeden Preis

 

Ich habe mal in einem Blogartikel darüber geschrieben, dass es sich lohnt an einer Beziehung festzuhalten. Immer wieder Verständnis für den anderen aufzubringen. Für seine Geschichte, seine Sozialisation, seine Erkrankungen, seine Launen…Aber nicht dann, wenn wir uns auf Dauer selbst verraten.

 

Unsere Träume. Unsere Ideale. Unsere Würde.

 

Das Konzept „Annehmen was ist“ wird gerne dazu verwendet, passiv zu werden und uns nicht mehr einzubringen. Es ist wie es ist. Warum sollte ich dagegen angehen? Oft gehen innere Haltungen wie Ich darf nicht egoistisch sein oder Ich muss mich anpassen mit so einer Haltung einher.

 

Wir verpassen dabei allerdings etwas Entscheidendes:

 

Lebendig zu sein.

 

Selbstwirksam. Schöpfer.

 

Wir ignorieren wichtige Gefühle. Gefühle, die uns zeigen, was wirklich dran ist.

 

Gefühle helfen uns, in Beziehung zu gehen. Mit uns selbst und der Welt. Wir brauchen ihre Kraft, um zu handeln.

 

Gefühle annehmen

 

Es ist wie es ist. Hört sich gut an und ist wahr. Aber es schadet uns, wenn wir es dazu benutzen, keine Stellung zu beziehen. Die Situation (der Regen, dass mein Freund mich anschreit, jemand mir kündigt) ist wie sie ist. Das stimmt.

Aber – die Gefühle, die ich aufgrund dieser Situation fühle, sind auch wie sie sind. Um eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, muss ich zuerst die Gefühle, die in dieser Situation entstanden sind, akzeptieren.

 

Dieser Schritt wird oft übersprungen. Wenn mir mein Chef heute kündigt und mich das im Hier und Jetzt wütend oder traurig macht, dann ist genau das ausgelöste Gefühl, das was ist. Durch das hastige Annehmen der Situation vermeiden wir das Fühlen.

 

Ganz nach dem Motto: Warum wütend oder traurig sein – es ist wie es ist und das muss ich ja sowieso annehmen.

 

Wir dissoziieren uns und werden wie Roboter. Kalte, gefühllose Wesen, die gleichgültig und unberührt bleiben.

 

 

Gefühle helfen uns Ereignisse zu verarbeiten

 

Wenn mich jemand verlässt oder stirbt, dann tut das weh, es macht mich vielleicht auch wütend oder ich bin enttäuscht und tief traurig. Erst wenn ich alle diese Gefühle gefühlt habe, kann ich eine Situation annehmen. Die Kündigung, die Trennung, den Verlust…

 

Gesunde Traurigkeit (im Gegensatz zu gedanklich inszenierter) hilft uns Dinge zu akzeptieren, z.B. den Tod eines geliebten Menschen.

 

Meine spontanen Gefühle zeigen mir, wo es lang geht.

 

Ganz individuell. Für mich. Persönlich und nah.

 

Ich bin die/der Einzige der sie fühlt. Durch meine Gefühle komme ich in Kontakt mit meinen Bedürfnissen, meinen Sehnsüchten und geheimen Wünschen. Sie motivieren mich, treiben mich an, zeigen mir wie ich sein will, lassen mich Grenzen setzen und Stellung beziehen.

 

Durch sie zeige ich anderen, woran sie bei mir sind und mir selber, woran ich mit mir bin. Was mich berührt, abstößt, anzieht oder erschreckt. Was welche Bedeutung für mich hat. Das können meine Gedanken nicht. Sie sind bloße Theorie. Erst das Gefühl füllt diese Konstrukte mit Leben und gibt ihnen Farbe und Kraft.

 

Meine Gefühle fühlen in jedem Augenblick – das ist annehmen was ist.

 

Und aus diesem Fühlen (und in Beziehung gehen) erwächst die Kraft für mein Handeln. Ein Handeln das sich an meinen Werten und Haltungen orientiert – so wie sie wirklich sind.

 

Wenn mein Partner mich immer wieder belügt oder mich kleinmacht, dann macht es keinen Sinn, mir die Dinge mit Pseudo-Konzepten schön zu reden. Dann ist es an der Zeit zu gehen. Womöglich brauche ich dazu meine Wut, damit sie mir die nötige Klarheit und Entschlossenheit für eine Trennung gibt. Und meine Traurigkeit, um zu verarbeiten, dass mein Traum von Zweisamkeit mit diesem Partner gescheitert ist.

 

Wir können fühlen, was das Verhalten des andern mit uns macht. Und dann entscheiden, ob wir gehen oder bleiben. Wir müssen nicht alles entschuldigen oder akzeptieren. In vielen Angelegenheiten sind wir handlungsfähiger als wir glauben.

 

 

Jedes Gefühl beinhaltet eine positive Kraft, die wir nutzen können.

 

 

Das Leben ist ein Prozess. Alles ist in Bewegung. Auch unsere Haltungen, Werte und Überzeugungen.

 

Was passiert, wenn ich nicht mehr äußern darf, dass etwas falsch ist und ich es ändern möchte? Ich werde diffus, unsicher, schwammig…

 

Wut ist oft ein Tabu Gefühl.

 

Vielleicht haben wir als Kind erlebt wie zerstörerisch Wut sein kann und lehnen sie heute ab. Aber Zerstörung ist nur die Schattenseite der Wut. Gesunde Wut bringt Klarheit und Entschlossenheit. Sie hilft uns Entscheidungen zu treffen.

 

 

Rein ins echte Leben

 

 Die meisten von uns sitzen nicht meditierend auf einem Berg – völlig unberührt vom Leben um sie herum. Reine Beobachtung und sich von allem innerlich zu distanzieren, macht Dich vielleicht gelassen, aber es nimmt Dir Deine Lebendigkeit und Deine Schöpferkraft.

 

Je intensiver man fühlt, desto erfüllter lebt man.

 

Wenn wir leben, dann fühlen wir. Und wenn wir fühlen, dann fühlen wir die ganze Palette. Es gibt nicht nur ein kleines Stück Torte mit dem Geschmack Freude. Wir bekommen den ganzen Kuchen…und das hat seinen Grund.

 

So lange wir nicht bereit sind, ein bestimmtes Gefühl zu fühlen, hat dieses Gefühl macht über uns.

 

Unsere Gefühle sind immer ganz dicht an unsere Bedürfnisse gekoppelt.

 

Sie helfen uns bei der Frage: Wer will ich sein? Was wünsche ich mir?

 

Wie wäre es sich mal auf Deine Gefühle einzulassen, als hättest Du sie noch nie gefühlt? Wen Du sie alle einlädst und annimmst, dann öffnen sich völlig neue Türen.

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1 Antwort

  1. Oktober 27, 2018

    […] #Lesetipp: Annehmen was ist – warum es oft falsch verstanden wird […]

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