Anleitung zum Unglücklichsein 3

Hier nun der letzte Teil des kleinen Ausflugs in die Welt des schwarzen Humors. Es geht weiterhin darum, wie es dir gelingt, bei dir selbst nicht so genau hinzuschauen. Manchmal sind es ja unsere (Sehn) Süchte, die uns daran hindern uns zu verändern.

Es folgen die Regel 38-52.

Regel 38: Körperübungen

Meiden Sie Pilates oder Meditation. Meditation gilt als wertvolles Verfahren zur Vorbeugung von Depressionen! Also, falls Sie meditieren oder irgend so einen Yoga-Quatsch machen: Hören Sie sofort auf damit. Das ist was für Promis und nicht für Otto Normalverbrauchers. Bleiben Sie lieber in Ihrem kleinen Gedanken Käsekästchen. Verharren Sie dort. Da ist es sicher.

Regel 39: Beziehungen

Vermeiden Sie in Beziehungen grundsätzlich eine Balance aus Geben und Nehmen. Werden Sie äußerlich ein total Netter oder eine total Nette. Innerlich lassen Sie den Mob toben. Seien Sie sich sicher: An der Seite Ihres Partners ist Ihr ganzes poppeliges Leben viel wertvoller. Ohne diesen Menschen wären Sie einfach nur eine Posse der Natur.

Regel 40: Geben Sie sich Mühe

Machen Sie es grundsätzlich ALLEN recht. Das geht nicht, sagen Sie. Dann strengen Sie sich eben mehr an. Sie wollen ja nicht riskieren, dass irgendwer Sie nicht mehr mag oder doof findet. Wenn Ihnen doch mal das Messer in der Tasche aufspringt, dann halten Sie einfach kurz inne und wenden dann die Schnappatmungsmethode an. Für so eine (fast) Entgleisung sollten Sie sich aber unbedingt bestrafen. Das Messer haben Sie ja noch.

Regel 41: Sex

Kennen Sie den Spruch: Dumm bumst gut? Egal. Sie sind jedenfalls schlau: Machen Sie sich beim Sex jede Menge Gedanken. Denken Sie an Ihre hässlichsten Körperteile. Verkrampfen Sie. Orientieren Sie sich bitte ausschließlich an den Bedürfnissen Ihres Partners. Was Ihnen gefällt, darüber sollten Sie nicht mal im Entferntesten nachdenken. Spielen sie bloß nicht heimlich an sich rum. Auch hier gilt: Passiv ist das neue Aktiv.

Regel 42: Werden Sie verbindlich

Stehen Sie jederzeit zur Verfügung und binden Sie mit dieser demütigen Haltung Ihren Sexgenossen an sich. Kultivieren Sie eine „Keine-Ahnung-wie-mein-Körper-tickt-mir-doch-egal-Haltung“. Soll er oder sie sich doch mal schlau machen. Reicht ja wohl, wenn es einer pro Bett drauf hat. Hoffen Sie ausschließlich auf Ihr Gegenüber.

Regel 43: Punkte

Vergessen Sie den G-Punkt – da stecken bestimmt auch wieder die da oben oder irgend so ein korrupter Großkonzern dahinter.

Regel 44: Machen Sie dicht

Werden Sie verklemmter. Beim Yoga haben Sie gelernt, Ihre Grenzen zu erweitern. Das Leben ermögliche das jedem, behaupten die da. Vergessen Sie das: Enge Grenzen sind jetzt Ihr Land.

Regel 45: Sehnsüchte

Sinnlichkeit und Eigenliebe sollte Ihnen ein Buch mit sieben Siegeln sein. Heimliche Sehnsüchte und Wünsche ignorieren Sie bitte. Sie wollen sowieso nirgendwo hin, wo Sie sich nicht auskennen. Auf Wolke sieben schon gar nicht (kultivieren Sie Höhenangst). Viel zu gefährlich, weiß doch keiner, was da oben los ist.

Streben Sie nach Perfektion

Bewahren Sie sich die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Und auch nach dem Menschen, der perfekt zu Ihnen passt und Ihre unerfüllten kindlichen Sehnsüchte (alles was Sie je vermisst und nie gefunden haben) erfüllt. Da gibt es diesen einen Menschen, der Sie vorbehaltlos liebt, versteht und Ihnen in allem Ähnlich ist (Internet).

Seien Sie besonders

Machen Sie Ihr ICH zum allumfassenden Projekt. Sie sind Ihre eigene MARKE. Relaunchen Sie Ihren Auftritt.

Setzen Sie Akzente

Musik, Mode, Ernährung. Werden Sie immer besser. Trennen Sie sich von Ihrem ausgebrannten Partner. Da draußen (Internet) gibt es jemanden, der viel besser zu Ihnen passt, der Sie versteht und vervollständigt. Tag und Nacht. Schütteln Sie alle ab, die Sie daran hindern durchzustarten. Und wenn Mr. Propper dann doch nicht so sauber putzt, dass man sich drin spiegeln kann, dann ist der Spiegel oder Mr. Propper eben kaputt. Von wegen wachsen am Austausch mit echten Menschen. Sie sind ja nicht naiv. Sie wachsen für sich allein.

Haben Sie Kinder?

Stellen Sie Ihr Kind in den Mittelpunkt Ihres Lebens. Setzen Sie ihm keine Grenzen. (Es soll sich entfalten.) Verwöhnen Sie Ihr fünf-vor-zwölf Kind. Machen Sie es zum Statussymbol. Kämpfen Sie für beruhigte Verkehrszonen und schimpfen Sie auf Hundehalter. Tragen Sie ausschließlich Funktionskleidung (Stichwort: Jack Wolfskin) und gehen Sie nicht mehr zum Frisör. Machen Sie Ihrem Partner Vorwürfe (scheuen Sie sich hier nicht, auch mal autoritär aufzutreten) und versuchen Sie ihn oder sie auf biegen und brechen zu verändern. Feudeln Sie von morgens bis abends das abzuzahlende Eigenheim. Geben Sie alles, kutschieren Sie Ihr Kind durch die Gegend und backen Sie, was der Ofen hergibt. Verlieren Sie unbedingt eigene Interessen aus den Augen. Üben Sie sich in Geduld und halten Sie durch: Mit etwas Glück geht das Licht aus, wenn Kind und Partner irgendwann endlich aus dem Haus sind.

Regel 46: Ziele entwickeln

Verfolgen Sie Ziele nach dem Seufz-Prinzip:

Schwammig:

Weltherrschaft oder Diktator.

Ergebnisoffen:

Irgendwann halt, wenn ich soweit bin.

Unattraktiv:

Mist, viel Arbeit und keine Girls und Boys!

Fantastisch:

Vielleicht klappt das auch schon bis nächsten Dienstag!

Zeitlos:

In diesem oder im nächsten Leben. Mal schauen.

Regel 47: Wünsche

Hinterfragen Sie niemals den eigentlichen Wunsch hinter Ihren Zielen. Bleiben Sie diffus. Grübeln Sie bloß nicht, was hinter dem Drang nach der Karriere, dem tollen Schlitten, der Mega-Uhr und dem allen steht. Wenn  man alles runter bricht und sich bis zur Essenz fragt, tauchen oft die üblichen Gesellen auf: Verbundenheit und Freiheit (Hippiegedöns).

Regel 46: Vergleiche

Entwickeln Sie Neid. Vergleichen Sie sich mit anderen. Empfinden Sie gutaussehende oder erfolgreiche Menschen gleichzeitig als Provokation und als Demütigung.

Machen Sie Selfies von sich.

Am besten bei grellem Licht und von unten. Falls Ihnen das Bild immer noch gefällt: Lassen Sie sich mehr gehen, heben Sie den Alkoholpegel an, essen Sie mehr Fastfood und putzen Sie sich die Zähne nicht mehr. Lächeln Sie nicht, hier gib es nichts zu lächeln.

Entdecken Sie unbedingt auch die aggressive Seite der Depression

Regel 47: Marlboro-Mann

Hegen Sie gegen irgendwen Rachegedanken? Dann bleiben Sie dabei. Auch, wenn der Mensch, an dem Sie sich rächen wollen längst eingeäschert ist. Pillepalle, Ihnen doch egal. Zeigen Sie allen Ihr finsteres Gesicht. Die werden sich noch umgucken! Denen zeigen Sie´s! Werden Sie zum Rächer der Witwen und Waisen. Reiten Sie als einsamer Cowboy durch die Prärie und suchen Sie nach Vergeltung. Verschwenden Sie keine Zeit (Baum pflanzen oder Haus bauen). Sie haben eine Mission, trinken ordentlich einen und ignorieren alle, die es gut mit Ihnen meinen (Verräter-Pack). Lassen Sie sich nicht beirren. Ziehen Sie´s durch. Ignorieren Sie gesundheitliche Bedenken. Verbittern ist besser als erzittern (alte Apachen-Weisheit).

Bewegen Sie sich in sozialen Netzwerken

Legen Sie sich gleich mehrere Profile an und posten Sie das, was Sie schon immer mal sagen wollten. Scheuen Sie sich nicht davor, das Bomben- Emoji zu verwenden. Das verschafft Ihnen Respekt.

Wenn Sie noch nicht passiv im Elend schmorren. Versuchen Sie Leute zu verändern, koste es, was es wolle. Ihre Eltern, Freunde, Kollegen. Die MÜSSEN und SOLLEN anders sein als sie sind: Freundlicher, interessierter, lustiger, zugewandter. Schauen Sie grundsätzlich immer erst mal, was es beim Anderen zu verändern gibt.

Flüchten Sie vor der Realität

Ihrer eigenen und auch insgesamt. Verlieren Sie sich in negativen Gedanken (Im Zweifelsfall: Drogen, Regeln 58-67). Wenn Sie doch mal vorbeischauen: Betrachten Sie hässliche Körperteile oder verzweifeln Sie an Ihrem immer gleichen, öden Alltag, Ihrer sinnlosen Erwerbstätigkeit oder Ihrer Nichtsnutzigkeit.

Genussmittel gezielt einsetzen. Hände weg vom gesunden Mittelmaß. Sozusagen dem kultivierten Genuss, dem Bierchen dann und wann. Das führt in die falsche Richtung. Extreme sind für unsere Zwecke besser geeignet.

Regel 48: Entwickeln Sie Süchte

Rauchen ist zum Einstieg am besten. Falls Sie bereits eine Sucht überwunden haben: Steigen Sie wieder ein. Am besten und grundsätzlich (!) aus Höflichkeit anderen gegenüber. Sie wollen gefallen. Alleine trinken ist langweilig für ihr Gegenüber. Mit harten Drogen verfahren Sie genauso.

Tipp: Legen Sie sich gleich mehrere Süchte zu, denn viel hilft viel.

Regel 49: Hören Sie regelmäßig mit dem Rauchen auf

Dann quälen Sie sich eine Weile, essen zu viel und jammern darüber wie fett Sie geworden sind. Fangen Sie das Rauchen wieder an und machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit. Zelebrieren Sie Ihr Versagen. Machen Sie das zu Ihrem persönlichen Teufelskreis, Ihrem kleinen Gateway.

Regel 50: Verantwortung

Geben Sie Ihre komplette Verantwortung ab. Sollen die anderen sich doch damit rumschlagen. Jammern Sie aber trotzdem darüber, dass Sie ständig übergangen und nicht gefragt werden. Wenn Sie jemand nach Ihrer Meinung fragt, sagen Sie einfach: „Mir doch egal“, „Mich fragt doch sowieso keiner“ oder  wahlweise „Wen interessiert das schon“. Meinen Sie das nie ironisch. Ironie versteht heutzutage sowieso keiner mehr.

Übung: Wann immer Sie etwas Positives über sich denken, schreien Sie innerlich „Stopp!“ und ersetzen Sie diesen Gedanken durch einen negativen. Handeln sie dann entsprechend (also eben nicht).

Übung: Erstellen Sie ein Vision Board: Alles, was Sie runterzieht auf ein großes Plakat kleben. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Dann am besten vor dem Schlafengehen eine Weile angucken. Werden Sie Teil dieser Welt.

Übung: Vom depressiven Gegenüber lernen. Hier geht es nicht um simples kopieren. Machen Sie sich die ESSENZ dieses Menschen zu Eigen. Versuchen Sie den Zustand der beleiernden Schwere, der dieses apathischen Geschöpf wie eine Hülle umwölbt, zu absorbieren.

Regel 51: Bleiben Sie auf der sicheren Seite

Versuchen Sie, ihre Lebensfreude Stück für Stück zu senken, bis Sie den Boden fühlen. Bleiben Sie unten. Unten ist es am sichersten. Sie wissen ja: Veränderung bedeutet Gefahr.

Regel 52: Zeit

Es ist zu spät. Von jetzt an ist bei Ihnen auch kurz vor Zwölf. Nix mehr von wegen meine Zeit kommt noch und so. Ihre Kugel ist ab jetzt im Roulettkessel eingerastet und was das bedeutet,  wissen Sie ja vermutlich.

Letzte Regel: Königsdisziplin Katatonie

Werden Sie hilflos wie ein Käfer, den man auf den Rücken gedreht hat und der darauf wartet, dass irgendwer ihn wieder umdreht. Sie sind ein ganz kleines Licht, das langsam verglimmt.

Herzlichen Glückwunsch!

Sie haben es geschafft. Bleiben sie einfach am Ball und halten Sie ihn weiterhin flach.

Ihre,

Ilse Bilse

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