5 Gründe, warum eine stressige Kindheit Hochsensibilität auslösen kann

 

 

Hochsensibilität gilt als angeborene Eigenschaft. Kann man sie auch durch traumatische Kindheitserfahrungen erwerben?

 

 

5 Gründe, warum eine stressige Kindheit Hochsensibilität auslösen kann

Manchmal wäre ich gerne belastbarer.

Weniger berührbar, robuster und patenter.

Ich stecke wenig Schlaf, Alkohol und viel Arbeit nicht gut weg und muss mich (gefühlt) länger erholen als viele Menschen in meinem Umfeld.

Dann begleitet mich immer mal wieder das Gefühl, nicht gut rein zu passen und schnell überfordert zu sein: mit Menschen, sozialen Situationen, Alltagsstress, Entscheidungen, der Schnelllebigkeit, und dem Druck in dieser Welt.

Ich brauche dann Abstand und ziehe mich zurück.

Eine Therapeutin hat mir diagnostiziert ich sei hochsensibel. Definitiv.

Ich halte nichts von Diagnosen. Ich empfinde sie als kleines Käsekästchen, aus dem man nicht mehr rauskommt – oder in dem man es sich zu bequem macht. Dennoch sind sie als grobe Einordnung ganz hilfreich.

Wobei man erwähnen muss: Hochsensibilität ist keine Diagnose im eigentlichen Sinne, weil es keine Krankheit ist.

Die Wirklichkeit hat immer mehr Facetten

 

Borderliner, Bipolar, Burnout, ADHS, Anpassungsstörung, F43.2.

Wir lieben es, Dinge zu kategorisieren.

Fakt ist: In der Tiefe sind wir alle mehr als jedes Label oder jede Kategorie.

Elaine Aron prägte die Begriffe Hochsensibilität und hochsensibler Mensch. Arons Forschungen zeigen, dass es sich bei der Hochsensibilität nicht um eine Krankheit (also kein ICD-10 Eintrag) handelt, sondern um eine genetisch bedingte Eigenschaft. Sie schließt allerdings nicht aus, dass ein Teil der hochsensiblen Menschen die Hochsensibilität im Laufe ihres Lebens durch Traumata oder Dauerstress erworben hat. Bislang gibt es kaum Forschungen, die sich mit den Ursachen dieses Phänomens beschäftigen. Dennoch lassen Studien vermuten, dass das Gehirn hochsensibler Menschen äußere Eindrücke intensiver verarbeitet.

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Kann ein frühkindliches Trauma, eine depressive oder narzisstische Mutter oder eine bedrohliche Atmosphäre im Elternhaus eine Hochsensibilität auslösen?

Meine Antwort lautet: Ja.

Hier 5 Gründe, die dafür sprechen:

1. Dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel

In klinischen Studien wurde festgestellt, dass bei HSPs der Cortisolspiegel im Blut dauerhaft erhöht ist. Das Hormon Cortisol wird bei Stress ausgeschüttet.

Viele Menschen erleben massiven Stress in ihrer Kindheit. Zum Beispiel Kinder mit einem alkoholkranken Elternteil. Sie müssen schon früh lernen: scharfe Beobachter zu werden, Dinge geheim zu halten, Lügen zu ignorieren und gegen ihr inneres Navigationssystem zu handeln. Darüber hinaus sind sie meist diversen Doublebind Botschaften ausgesetzt. Sie sind es gewohnt auf plötzliche, heftige Spannungswechsel zu reagieren. Oft müssen sie am Gang und dem Grad der roten Augen ablesen, ob die Bezugsperson zu explodieren droht, oder ob die Stimmung heiter und stabil bleibt. Das unberechenbare Verhalten der Eltern führt zu einer ständigen inneren Anspannung.

So eine Kindheit ist stressig. Richtig stressig.

Eine ständige Anspannung wird zur Normalität. Und somit auch ein erhöhter Cortisolspiegel.

 

Meine These: Auch ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann eine Hochsensibilität auslösen.

 

 

 2. Sehr empfänglich für die Stimmung ihres Gegenübers oder in Gruppen

Hochsensitive nehmen Stimmungen anderer Menschen intensiver wahr, sie analysieren gründlich und haben einen ausgeprägten Sinn für Details einer Situation. Betroffene differenzieren insbesondere soziale Beziehungen sehr fein. All das trifft auch auf Kinder aus Stressfamilien zu. Kinder von alkoholkranken Eltern wittern die Stimmung ihrer Bezugspersonen schon oft bevor Vater oder Mutter den Raum betreten. Alles dreht sich um den Kranken oder den Co-abhängigen der unter der Sucht des anderen leidet. Für eigenen Bedürfnisse oder Wünsche ist da kein Platz.

Eine hohe Emathiefähigkeit wird hier häufig zum „Empathiezwang“.

Auch Kinder von depressiven oder narzisstischen Eltern sind gezwungen die Stimmungen, Launen und Wünsche des betroffenen Elternteils wahrzunehmen und zu deuten, um in ihrer Familie klar zu kommen.

3. Stressbedingte Erkrankungen

Hochsensible sind, genau wie Menschen mit schwieriger Vergangenheit, häufiger von Erkrankungen betroffen, die mit Stress in Verbindung stehen:

  • Depressionen
  • Konzentrationsschwäche
  • Muskelverspannungen und Bluthochdruck
  • Schlafstörungen und innere Unruhe

Hochsensibilität auslösen

Auch die Themen innerhalb der Therapie ähneln sich:

  • Überforderung
  • fehlende Abgrenzung
  • leicht reizüberflutet
  • fehlende Energie
  • wenig Selbstvertrauen
  • Konflikte am Arbeitsplatz
  • Problemen in der Beziehung zu Mitmenschen
  • Einsamkeit
  • Überhöhter Perfektionismus
  • sehr außenorientiert
  • wenig Verbindung zum eigenen Körper

4. Wenig im Körper, oft dissoziiert

Hochsensible sind aufgrund ihrer Reizüberflutung und Empfindsamkeit oft von ihren Gefühlen und Eindrücken überwältigt. Wenn alles zu viel wird, dann kann es dazu kommen, dass ihre Wahrnehmung völlig ausgeknipst wird. Ein gesunder Mechanismus des Körpers, um sich zu schützen. Auch Menschen mit traumatischen Kindheitserfahrungen werden in bestimmten Situationen plötzlich total kalt und unnahbar. Das war wahrscheinlich in ihrer Kindheit eine sinnvolle Überlebensstrategie, um mit überwältigenden Gefühlen oder Ereignissen klar zu kommen. Dieses In-sich-selbst-Verschwinden und alle Gefühle abstellen passiert reflexartig. Betroffene dissoziieren sich von sich selbst, um nicht von ihren Gefühlen überflutet zu werden.

5. Probleme mit nahen zwischenmenschlichen Beziehungen

Hochsensible verlieren sich oft in ihren Beziehungen. Durch ihre hohe Empathie Fähigkeit, können sie sich schlecht abgrenzen und es fällt ihnen schwer bei sich zu bleiben. Sie spüren oft gar nicht, was ihre eigenen Bedürfnisse sind. Oder können sie nicht mehr von denen des Partners trennen.

Menschen, die in ihrer Kindheit mit schwachen, überfordernden Elternteilen zu tun hatten geht es ähnlich. Sie fühlen sich später oft unaufgefordert verantwortlich für das Wohlbefinden ihres Partners. In Beziehungen passen sie sich extrem an und geben sich auf. Sie sind es gewohnt vereinnahmt zu werden. Meist waren sie Objekt und/oder Erweiterung ihrer Eltern. Im Prinzip hat man sie nie gesehen und nur dann geliebt, wenn sie gut funktioniert haben oder gebraucht wurden.

Aufgrund dieser Kindheitserfahrungen wird Bindung mit Zwang, Einsamkeit, Selbstaufgabe und Unterdrückung verbunden. Daher macht ihnen Bindung und Nähe Angst. Ihr Unterbewusstsein verbindet mit Bindung: Verpflichtung, Zwang und Selbstverlust. Gleichzeitig schlummert dort eine große Angst sich abzugrenzen und daraufhin ausgeschlossen und verlassen zu werden.

Vorsicht vor der Schublade „Hochsensibel“

Du tust Dir keinen gefallen, wenn Du Dich in eine Schublade mit dem Label hochsensibel steckst. Genauso wenig macht es Sinn, sich als krank, traumatisiert oder depressiv zu bezeichnen. Immer wenn ich mich mit etwas identifiziere, wird es sehr wichtig. Ich blase es künstlich auf. Schlussfolgerungen und Überzeugungen, wie Ich bin hochsensibel werden irgendwann zu einer Identität.

Eine Identität will ich nicht mehr loslassen. Sie macht mich aus. Ich richte mein Handeln nach ihr und möchte sie bestätigt sehen. Das Leben fügt sich dem. Das ist magisch, aber wahrscheinlich nicht unbedingt in Deinem Sinne…

Unsere Identität ist oft unser höchstes Gut. Wir halten uns an ihr fest. Oder wie Mark Manson sagt:

„Je mehr etwas deine Identität bedroht, desto mehr wirst du es vermeiden.“

Also bitte sei vorsichtig, mit was Du Dich identifiziert.

Fazit

Unabhängig davon, ob Du eine angeborene Hochsensibilität hast oder sie im Laufe deines Lebens entwickeln musstest:

Es tut weh zu glauben, man sollte weniger berührbar oder sensibel sein, als man ist.

Weil es weh tut, versuchen wir alles, um nicht so zu sein, wie wir sind. Wir versuchen, mehr wie andere zu werden:

normaler, robuster, cooler, tougher…

Da liegt der Fehler, so einen Kampf kannst Du nur verlieren.

Es geht nicht darum, belastbarer zu werden, sondern zu verstehen, wo Deine Grenzen liegen.

Manche Menschen sind einfach feinfühliger als andere.

Mehr Seide als Baumwolle.

Zum Glück.

Sieh es als Geschenk.

Deine Sensibilität ist Deine Stärke. Du bist ok.

Und Du bist damit nicht alleine.

Alles Liebe für Dich.♥

Was denkst Du: Kann eine stressige Kindheit Hochsensibilität auslösen?

PS: Wenn Du Dir Hilfe im Umgang mit Deiner Hochsensibilität wünschst, dann schau mal hier vorbei: ERGO/ART

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2 Antworten

  1. Sumsi sagt:

    Hallo,ich danke Ihnen fuer diesen tollen Beitrag…..ganz grosse Klasse!
    Frdl.Gruss

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